Wie finde ich meinen Traumberuf?

Johannes Wilbert arbeitet seit 2001 zusammen mit Jugendlichen und Erwachsenen an deren beruflicher Orientierung. Wir hatten die Möglichkeit, Herrn Wilbert ein paar Fragen in Bezug auf die Schwierigkeiten der Berufswahl zu stellen. Dabei geht es vor allem darum, den Beruf zu finden, bei dem die eigenen Interessen befriedigt und die eigenen Fähigkeiten voll eingesetzt werden können.

Hauptsache Bildung: Herr Wilbert, was würden Sie sagen, ist Ihre Aufgabe, wenn es darum geht, jungen Menschen bei der Frage der Berufswahl zu unterstützen?

Johannes Wilbert: Für mich sehe ich es als Hauptaufgabe, jungen Menschen in der Berufswahl mehr Klarheit über ihre Fähigkeiten und Eigenschaften bewusst zu machen – mit dem Ergebnis, dass sie ihre Stärken erkennen. Gleichzeitig ist es notwendig, auf dieser Grundlage systematisch alle Studien und Berufswahlfelder zu erkunden und diese nach den persönlichen Interessen zu ordnen. Dieses Verfahren, sich selber im Dialog Klarheit über seine Kompetenzen zu verschaffen, erzeugt Selbstbewusstsein und ist die Basis für eine im Leben wichtige Entscheidung.

MTA

Hauptsache Bildung: Was denken Sie sind die häufigsten Ursachen für Probleme bei der Berufsfindung?

Johannes Wilbert: Ich denke die Hauptursache liegt in dem doch sehr vielfältigen Angebot von Ausbildungsberufen sowie Studiengängen, die in den letzten Jahren die Qual der Wahl nicht einfacher gemacht haben. Eine andere Ursache sehe ich heute genauso wie damals bei meiner beruflichen Entscheidung: auch ich hätte jemanden gebraucht, der mir wirklich zugehört hätte, der aus dem Gespräch meine inneren Motive erkannt hätte, um hieraus im Feld meiner Unkenntnis mehr Licht in das Dunkle zu bringen.

Hauptsache Bildung: Welche Rolle spielt die Pubertät? Ist es unpassend, heranwachsende Jugendliche in diesem Lebensabschnitt auf die Frage nach dem Berufswunsch zu lenken? Welche Verantwortung tragen Eltern hierbei?

Johannes Wilbert: Junge Menschen in dieser Entscheidung zu lenken ist zwar naheliegend, aber wenn es darum geht, eine willentliche Entscheidung über die berufliche Richtung zu treffen, ist ein Lenken von meinem Verständnis her fremdbestimmt. Es geht mir darum, Menschen im Prozess der Entscheidungsfindung zu unterstützen, sie in ihrer Bestimmung zu stärken und damit die erste Grundlage für eine Berufswahl zu bilden. Ich sehe die größte Verantwortung gegenüber der Erziehung von Kindern in der Stärkung ihrer Selbstverantwortung. Denn Selbstverantwortung entscheidet darüber, wie ein Mensch die täglichen Herausforderungen seines Lebens meistert. Um zu dieser Art von Verantwortung tragen zu können, ist es wichtig, über sich und sein Handeln zu reflektieren. Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie ihnen zum Beispiel Aufgaben übertragen, aus denen heraus sie etwas erschaffen und an denen Jugendliche erkennen, worin ihre Interessen und Kompetenzen bestehen.

Hauptsache Bildung: Wenn ein junger Mensch zu Ihnen kommt und sagt: „Mir macht das Spaß, aber auch das“ und sie sehen insgesamt einen neugierigen Menschen vor sich: Wie kann man hier als Berufsberater weiterhelfen?

Johannes Wilbert: Für mich hört sich das, was Sie dort beschreiben, sehr gut an. Denn Dinge zu benennen, die einem Spaß machen, sind sehr wichtig. Jedes Interesse beinhaltet Motivbilder und damit Fähigkeiten und Eigenschaften, die Aufschluss über die Persönlichkeit geben. Und Persönlichkeiten sind nicht einfach, sondern vielschichtig. Diese Vielschichtigkeit sollte zum Tragen kommen. Wenn da auch noch eine bestimmte Neugier dabei ist, so verstehe ich das als eine Gier nach Neuem. Das ist gut so, denn für jeden Jugendlichen ist der Übergang von Schule zu Beruf ein Neuanfang.

Hauptsache Bildung: Wenn man an die Berufswahl nach dem Studium denkt, vor allem in Studiengängen, die nicht direkt auf ein bestimmtes Berufsfeld vorbereiten: Was sind hier die größten Probleme, wenn es nach dem Abschluss in den Beruf gehen soll?

Johannes Wilbert: Nehmen wir zum Beispiel das geisteswissenschaftliche Studium. Darin setzt sich ein Student mit großer Wahrscheinlichkeit zwar mit der Förderung seiner Persönlichkeitsentwicklung anhand bestimmter Sachthemen auseinander – er hat jedoch keine Anbindung an die Berufswelt. Es wäre von daher gut, sich schon innerhalb des Studiums mit der Berufswelt auseinanderzusetzen, sodass je nach Interesse berufliche Erfahrungen gesammelt werden können. Denn jeder Student liest am Ende seines Studiums, wenn er auf Stellensuche ist: „Wir suchen Studenten mit dreijähriger Berufserfahrung.“ Und diese sollte möglichst parallel zum Studium angegangen werden, damit die Einstiegsschwelle nicht zu schwer wird.


Hauptsache Bildung: Viele Menschen können sich nicht entscheiden, weil die Berufswahl etwas Endgültiges hat. Glauben Sie, dass man sich in Deutschland nach dem Beruf definiert? Wie kann man sich der Frage, wie es nach dem Studium weitergehen soll, relativ angstfrei stellen?

Johannes Wilbert: Ich glaube nicht, dass gerade heute die Berufswahl endgültig ist. Denn Menschen wechseln derzeit viel öfter ihren Beruf als früher. Im geistigen Sinne beweglich zu bleiben und eine Offenheit für Veränderungen zu haben ist eine viel höhere Erwartung. Die sollte man pflegen! Oft meint unser Verstand jedoch, das, was er denkt, sei endgültig.

Hauptsache Bildung: Glauben Sie, dass es so etwas wie den Traumberuf gibt? Oder die Berufung?

Johannes Wilbert: Ob in der Phase der Neuorientierung oder Umorientierung, wir fragen innerlich zwei Bedürfnisse ab: zum einen den Wunsch nach Verwirklichung in der Arbeit und zum anderen den Wunsch nach Sicherheit durch die Arbeit. Beides in das richtige Verhältnis zu setzen ergibt ein gesundes Berufsverhältnis.

Hauptsache Bildung: Gibt es Methoden, die jeder für sich zu Hause nutzen kann, um sich etwas mehr Orientierung in Bezug auf seinen Berufswunsch zu verschaffen?

Johannes Wilbert: Sich seine persönlichen Interessen bewusst zu machen und die Lernbedürfnisse miteinbeziehen wäre ein erster Schritt.

Hauptsache Bildung: Bei der Entscheidung zwischen Ausbildung und Studium sind sich viele nicht sicher. Wann wäre es sinnvoller, sich, entgegen der aktuellen Tendenz, für eine Ausbildung – und damit gegen ein Studium – zu entscheiden?

Johannes Wilbert: Hier hilft es, sich die Dreigliederung der Intelligenz bewusst zu machen. Es gibt die kognitive Intelligenz, die praktische Intelligenz und die emotionale Intelligenz, die in einem individuellen Verhältnis zueinander stehen. Gleichzeitig stellen diese drei Intelligenzarten das Anforderungsprofil von Ausbildungs- und Studienwegen dar. Ich halte es für klug, den persönlichen Schlüssel zu kennen und das passende Schloss (Anforderungsprofil) zu wählen. Nach diesem Kriterium sollte jeder die Entscheidung zwischen Ausbildung und Studium treffen.

Hauptsache Bildung: Herr Wilbert, vielen Dank für dieses Gespräch.

Johannes Wilbert

Johannes Wilbert leitet das Institut zur Berufswahl. Er hilft jungen Menschen, sich selbst so zu betrachten, dass die eigenen Stärken und Fähigkeiten hervortreten. Als Trainer und Coach leitet er sowohl Einzelcoachings als auch Gruppen-Workshops. Dabei richtet er sich nicht nur an Schüler und Eltern, sondern auch an Studenten und Erwachsene, die sich beruflich neu orientieren möchten. Das Erfolgsrezept: Gute Menschenkenntnis und solides Fachwissen.

Johannes Wilbert

 

Unsere Partner




- Werbung -