Basic Facts zur schulischen Ausbildung

Die schulische Ausbildung in Deutschland
Noch vor einiger Zeit wurde die vollzeitschulische Ausbildung als qualitativ schlechtere Alternative zur dualen Ausbildung betrachtet. Für diese Schulform infrage kamen nur unvermittelte Bewerber, die keine betriebliche Ausbildung in Aussicht hatten. Die schulische Ausbildung hatte nicht nur aufgrund der geringen oder ganz fehlenden Praxisanteile einen schlechteren Stand, auch die vielfältigen Abschlussformen und nicht zentral geregelten Lerninhalte trugen zur Unterordnung unter das vorherrschende System der dualen Ausbildung bei. Zu diesem Zeitpunkt war die schulische Ausbildung nicht mehr als ein Übergangssystem von der Schule hin zum Berufseinstieg oder zur dualen Ausbildung.
Mittlerweile wird die vollzeitschulische Ausbildung jedoch als eigener Zweig des deutschen Bildungssystems angesehen. Das liegt vor allem daran, dass der Dienstleistungssektor in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zugenommen hat und eine duale Ausbildung nicht zwingend notwendig macht – und oft auch gar nicht angeboten wird. Die Fähigkeiten, die in der heutigen informationstechnisch-geprägten und kommunikativen Berufswelt notwendig sind, werden nur schwer in der dualen Ausbildung vermittelt. Der Anteil an theoretisch zu vermittelnden Elementen hat in einem so hohen Maße zugenommen, sodass für viele Menschen eine schulische Ausbildung attraktiver erscheint.
Hinzu kommt, dass die duale Ausbildung lange Zeit von Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Handwerkskammern unterstützt, getragen oder gefördert wurde. Die Veränderungen hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft – und damit ein Wegfall vieler industrieller und handwerklicher Berufsfelder – haben diese Koorporationen an arbeitsmarktpolitischen Einfluss schwinden lassen. Als ebenfalls gewichtiger Faktor kann die Einführung der europaeinheitlichen Studiengänge gesehen werden. Der Bachelorabschluss ist, trotz Praktikumsphasen, als berufsqualifizierender Abschluss ebenfalls ein rein schulischer Abschluss.

Bildungssystem Schaubild


Warum gibt es schulische Ausbildungen?
Neben dem gesellschaftlichen und arbeitsmarkttechnischen Wandel darf man nicht vergessen, dass es seit der Neuordnung des Arbeitsmarktes nach dem Ende des zweiten Weltkrieges Berufsfelder gibt, die nur in Berufsfachschulen, Berufskollegs oder Fachakademien gelernt werden können – etwa in den Bereichen Gesundheit und Pädagogik. Das liegt entweder daran, dass diese Berufe seit Anbeginn zum öffentlichen Dienst gehörten oder staatlich organisiert waren. Viele Berufsfelder waren aber seit ihrer Entstehung schulisch, etwa einige gestalterische Ausbildungen. Die Ausbildung in einem der genannte Berufe wurde zu der Zeit bereits „vollzeitschulische Ausbildung“ oder kurz „schulische Ausbildung“ genannt. Sie ist nicht zu verwechseln mit der schulischen Ausbildung an Berufsschulen, die Teil der dualen Ausbildung in Betrieb und Schule ist.
Über lange Zeit hatte die schulische Ausbildung in Deutschland einen schweren Stand. Sie ist durch die duale Ausbildung in eine Isolation getreten, die ihre Entwicklung in Deutschland zum Teil stark behindert hat. Vielfach wurde unter schulischer Ausbildung nur der Unterricht an den Berufsschulen in der dualen Ausbildung verstanden. Ein weiterer Faktor ist die Heterogenität der Ausbildungsangebote. Der Wildwuchs an schulischen Ausbildungsmöglichkeiten erschwerte staatliche Qualitätskontrollen und ließ dadurch die Berufsqualifikation des Auszubildenden unklar. Es fehlten die einheitlichen Regelungen, die sich entweder durch das Bundesrecht oder durch ein einheitliches Landesrecht etablieren konnten. Dobischat sieht dies als Grund an, warum in der vollzeitschulischen Ausbildung eine solche Heterogenität vorherrscht.


Wie sieht eine schulische Ausbildung aus?
Viele schulische Ausbildungen sind mittlerweile geregelt durch das Bundes- oder Landesrecht. Voraussetzung für eine schulische Ausbildung ist in der Regel ein bestimmter Schulabschluss und bei einigen Ausbildungen zudem noch ein Mindestalter. Etwa 20% der Schulabgänger der Haupt- oder Realschule beginnen eine schulische Ausbildung. In einigen Fällen wird ein Praktikumsnachweis verlangt, etwa in den staatlich getragenen Ausbildungen in den Gesundheitsberufen. Die Ausbildungsdauer ist unterschiedlich und reicht von einem bis zu drei Jahren. In den Schulen können die Praxisanteile durch praktischen Unterricht, aber auch durch externe Praktika abgeleistet werden. Durch den Ausbau von Laboren und Werkstätten sowie durch die Rekrutierung von qualifiziertem Lehrpersonal konnten die Berufsschulen ihr Lehrangebot erheblich verbessern.
Eine schulische Ausbildung kann jemandem, der sich nicht für eine duale Ausbildung qualifiziert hat, die Möglichkeit eröffnen, dennoch seinen Traumberuf zu erlernen. Denn häufig sind die Qualifikationsvoraussetzungen andere. Ein weiterer Vorteil besteht in dem betriebsübergreifendem Wissen: Ausbildungsbetriebe haben vielfach nicht die Möglichkeit, ein Berufsfeld vollständig abzudecken und sind daher in vielen Fällen auf die Hilfe der Berufsschulen angewiesen. Einige Betriebe sind so klein, dass sie sich keine eigenen Werkstätten für Auszubildende leisten können oder nicht über geschultes Personal verfügen. Der wichtigste Punkt aber scheint zu sein, dass man eine schulische Ausbildung berufsbegleitend absolvieren kann. So bekommen auch Berufstätige, die bisher über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen, die Möglichkeit, sich beruflich mit dem Abschluss weiter zu qualifizieren, ohne die berufliche Tätigkeit aufgeben zu müssen.


Zwei Zweige der vollzeitschulischen Ausbildung
Neben der gesonderten Beamtenausbildung, der dualen Ausbildung sowie den Fachschulen (die eine berufliche Erstausbildung und Berufserfahrungen voraussetzen), können zwei Zweige der vollzeitschulischen Berufsausbildung in Deutschland unterschieden werden: Die Ausbildung an einer Berufsfachschule und die Ausbildung an Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens.
Schulen des Gesundheits- und Sozialwesens sind bundeseinheitlich geregelt und daher länderübergreifend. Diese Regelung ist zwar nicht verpflichtend, doch profitieren die Länder bei dieser Kooperation von einheitlichen Schulbezeichnungen und somit besserer Transparenz. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich hierbei um sogenannte „Schulberufe“, d.h. Ausbildungen, die mit einen sehr großen Anteil an theoretischem, aber nicht-akademischem, Schulunterricht verknüpft sind und nur an Schulen erworben werden können. In einigen Fällen wird der Besuch einer vorbereitenden schulischen Einrichtung (etwa der Pflegevorschule) vorausgesetzt.
Die Ausbildung in Berufsfachschulen kann man unterscheiden in nicht voll qualifizierende Ausbildungen und voll qualifizierende. Dieser Unterschied markiert, ob die Ausbildung nach dem Berufsbildungsgesetzes (BBiG) und der Handwerksordnung (HWO) anerkannt ist. Bei einer Ausbildung gemäß BBiG und HWO spricht man von traditionellen Ausbildungen, die dem dualen System gleich gestellt sind und einem vollwertigen Berufsabschluss entsprechen. In vielen Fällen ist auch ein Schulabschluss der Sekundarstufe I (bis hin zur Fachhochschulreife) möglich, sofern man diesen nicht bereits besitzt. Oder sie sind „kooperativ“, d.h. mit einer Praxisphase in einem Betrieb und einer Prüfung an der jeweiligen Handwerkskammer verbunden. Ebenfalls voll qualifizierend, aber außerhalb des BBiG und der HWO angesiedelt, gibt es die Ausbildungen zum Technischen Assistent oder Wirtschaftsassistent und weitere Berufe (etwa Fremdsprachenkorrespondent) nach Landesrecht. Man geht derzeit von über 100 verschiedenen Landesberufen aus, wobei sich die Bezeichnungen je nach Bundesland unterscheiden können. Einige wenige stehen in Konkurrenz zu einem dualen Ausbildungsberufe, andere sind nur schulisch zu erreichen.

Berufliche Ausbildung


Schulische Ausbildung und „berufliches Übergangssystem“
Die schulische Ausbildung hat auch deshalb noch immer einen schlechteren Ruf als das duale Modell, weil häufig die zahlreichen (und teilweise intransparenten) Maßnahmen und Förderungen seit Mitte der 1980er Jahre. Dieser Zweig wird als „berufliches Übergangssystem“ bezeichnet, da es sich hierbei nicht zwingend um eine qualifizierende Phase handeln muss.
Dazu gehören Programme wie das Berufsgrundschuljahr, das Berufsvorbereitungsjahr, die zum Teil qualifizierende Berufsfachschule, Sofortprogramme usw. Ebenfalls hinzuzählen kann man jedoch auch die schulischen Ausbildungen, welche ohne Regelung des BBiG oder der HWO existieren und zu keinem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf führen. Diese Programme werden häufig von Jugendlichen genutzt, die kaum Aussichten auf eine duale Ausbildungsstelle haben oder sich noch nicht für einen Beruf entschieden haben.
Kritisiert wird vor allem die Tatsache, dass sich diese Maßnahmen für viele als ein System von Warteschleifen herausstellen. Denn, ob die Zeit im Übergangssystem für Qualifizierungen wertvoll ist, ist umstritten. Viele sehen darin vielmehr ein berufliches Abstellgleis. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass nur 35% der Personen, die an diesen Programmen und Maßnahmen teilnehmen, im Anschluss eine passende Ausbildungsstelle findet.
Quellennachweise:


Dobischat, et. al: Vollzeitschulische Berufsausbildung, S.127-152, in: Zimmer / Dehnbostel: Berufsausbildung in der Entwicklung – Positionen und Leitlinien, Bielefeld 2009.
Themenhefte Bundesagentur für Arbeit, URL: http://www.arbeitsagentur.de/nn_450834/Navigation/zentral/Veroeffentlichungen/Themenhefte-durchstarten/Weiter-durch-Bildung/Bildungswege/Berufsabschluesse/Schulische-Ausbildung/Schulische-Ausbildung-Nav.html
Informationsportal Bundesagentur für Arbeit, URL: http://www.arbeitsagentur.de/nn_510404/Navigation/zentral/Buerger/Ausbildung/Berufsausbildung/Schulische-Ausbildung/Schulische-Ausbildung-Nav.html
Becker: Die Ursprünge gewerblicher Ausbildung, URL: http://paedagogik.homepage.t-online.de/ausb_wa.htm
Greinert: Geschichte der Berufsausbildung in Deutschland, URL: http://www.arbeitslehre.uni-wuerzburg.de/uploads/media/Gesch.d.Berufsausb._in_Deutschland-Greinert.pdf

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