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Ausbildung oder Umschulung?

 

Interview mit Beatrix Boldt, Leiterin des Bereichs "Berufliche Bildung" bei FORUM Berufsbildung. FORUM Berufsbildung ist ein freier und gemeinnütziger Bildungsträger, der sich insbesondere für eine praxisnahe und teilnehmerorientierte Weiterbildung in Berlin einsetzt.

Wir stoßen in den Foren immer wieder auf dieselben grundlegenden Fragen rund um das Thema Ausbildung. Frau Boldt beantwortet einige der zentralen Fragen hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Ausbildung und Umschulung.


1. Fangen wir bei den Grundlagen an: Was genau ist eine Kammer?
Die "Kammern", z.B. Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HWK), Ärztekammer (ÄK) sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Die jeweiligen Betriebe oder Stände wie Ärzte, Anwälte, Steuerberater, sind Pflichtmitglieder in diesen Kammern. Die Kammern haben grundsätzlich die Aufgabe, die Interessen der Mitglieder zu vertreten und nehmen als wichtige Aufgabe auch jeweils die anerkannten Abschlussprüfungen in den Berufen der jeweiligen Bereiche ab. Die gilt sowohl für Erstausbildung (Kaufmann, Geselle etc.) als auch für Aufstiegsqualifizierung (z.B. Fachwirte und Meister) und kleinere Zertifikate und Prüfungen wie die Ausbildereignungsprüfung (AEVO). Die Kammern beraten darüber hinaus Existenzgründer/innen und unterstützen Betriebe bei Auslandsaktivitäten z.B. durch die AHKs (Außenhandelskammern), die es in vielen Ländern der Welt gibt.

2. Und warum ist ein Kammerabschluss so wertvoll?
Ein Kammerabschluss ist aus vielen Gründen sehr wertvoll:
Für Arbeitgeber beweist er, dass ein Mensch eine bestimmte Ausbildung mit klar festgelegten Ausbildungsinhalten absolviert hat und somit die notwendigen Kenntnisse für eine bestimmte Aufgabe im Unternehmen besitzt.
Für etliche Tätigkeiten ist der Kammerabschluss darüber hinaus die zwingende Voraussetzung dafür, dass man diese überhaupt durchführen darf. Beispielsweise darf nur eine medizinische Fachangestellte mit Ärztekammerabschluss in der Praxis Blut abnehmen usw. Auch in Steuerkanzleien dürfen viele Arbeiten schon aus versicherungsrechtlichen Gründen nur von ausgebildeten Steuerfachangestellten ausgeführt werden. Arbeitgeber würden also eine/n Bewerber/in, der/die zwar alle Kenntnisse besitzt, aber den Kammerabschluss nicht hat, in vielen Fällen nicht nehmen, da diese Person immer nur begrenzt einsetzbar ist.
Auch im Ausland sind die deutschen Kammerabschlüsse sehr hoch angesehen, weil sie beweisen, dass die Person die hochwertige duale Ausbildung in Deutschland erfolgreich durchlaufen hat.

3. Viele junge Menschen sind mit ihrer abgeschlossenen ersten Ausbildung unzufrieden und würden gerne einen anderen Beruf ausüben. Sollten die Betroffenen dann eine zweite Ausbildung beginnen oder lieber eine Umschulung anstreben?
Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Wenn jemand z.B. bereits einen kaufmännischen Berufsabschluss hat und nur in eine andere Branche wechseln möchte, so reicht hier häufig auch eine branchenspezifische Fortbildung. Will ein Bürokaufmann beispielsweise in die Immobilienbranche wechseln, so kann er in wenigen Monaten das immobilienspezifische Wissen hinzulernen und muss nicht die gesamte kaufmännische Ausbildung erneut durchlaufen.
Anders ist dies allerdings bei Berufsbildern, wo es rechtliche Vorschriften gibt, die einen ganz speziellen Abschluss notwendig machen, wie im Steuerfach, bei Anwaltskanzleien oder medizinischen Berufen. Hier führt der Weg in eine qualifizierte Berufstätigkeit im Wunschbereich zwangsläufig über einen neuen anerkannten Berufsabschluss.

4. Und wie steht es mit Personen, die bereits Berufserfahrung haben?
Wer bereits einen Berufsabschluss hat und vielleicht auch schon ein paar Jahre gearbeitet hat, kann einen weiteren Berufsabschluss schneller durch eine Umschulung erwerben. Ob eine solche Umschulung allerdings z.B. durch das Jobcenter, die Arbeitsagentur oder die Rentenversicherung gefördert wird, hängt von vielen individuellen Kriterien ab, v.a. davon ob man in dem bisherigen Beruf gute Chancen am Arbeitsmarkt hat oder nicht.

5. Inwiefern wird eine Umschulung im Gegensatz zu einer Ausbildung verkürzt? Treten bei einer solchen Verkürzung nicht auch zwangsläufig fachliche Defizite auf?
Umschulungen dauern meist nur 21 bis 24 Monate anstelle von 3 bis 4 Jahren. Es gibt allerdings auch Ausnahmen, wie die examinierten Altenpfleger/innen, die auch als Umschulung 3 Jahre dauern.
Umschulungen enden mit genau derselben Kammerprüfung wie Erstausbildungen. Der Abschluss ist also gleichwertig. Man kann Umschulungen aber erst besuchen, wenn man mindestens 3 Jahre nicht mehr schulpflichtig ist und beruflich schon etwas anderes gemacht hat. Häufig sind Umschüler/innen älter als 25 Jahre. Davor sollte versucht werden, eine normale Ausbildung zu absolvieren.
Wer also nicht mehr für die klassische Erstausbildung in Frage kommt und häufig auch keine Chance mehr hat einen betrieblichen Ausbildungsplatz zu bekommen, kann über eine Umschulung, die häufig von Arbeitsagenturen oder Jobcentern bezahlt wird, zu einem anerkannten Berufsabschluss kommen.

6. Und aus welchem Grund sind diese Umschulungen verkürzt?
Die Verkürzung der Ausbildungszeit bei Umschüler/innen wird von den Kammern deswegen zugelassen, weil es sich bei diesem Personenkreis immer um Erwachsene handelt, die schon über Berufs- und Lebenserfahrung verfügen. So können einige allgemein bildende Inhalte aus der Umschulung entfallen. Auch ist die Gewöhnung an den beruflichen Alltag nicht mehr notwendig. Man kann daher davon ausgehen, dass Umschüler/innen mit einer komprimierteren Form der Ausbildung dennoch denselben Kenntnisstand erreichen. Alle in dem Ausbildungsrahmenplan der Kammern vorgegebenen Inhalte werden auch in der Umschulung vollständig vermittelt.
Manchmal wird dennoch von den Betrieben kritisiert, dass die Praxiszeit von 6-8 Monaten in der Umschulung zu kurz sei. Deshalb hat z.B. FORUM Berufsbildung inzwischen auch für die Umschulung ein duales Modell entwickelt, das einen höheren Praxisanteil hat, somit auch mehr Lerninhalte in der Praxis absolviert werden. Fachliche Defizite gibt es aber auch in der klassischen Umschulung bei einem Anbieter, der eine gute methodische Qualität liefert und gute Kooperationsbetriebe hat, nicht. Die Quoten von bestandenen Prüfungen sind bei guten Anbietern von Umschulungen teilwiese sogar höher als bei den klassischen Auszubildenden. Auch zu den Preisträgern der IHK für besondere Leistungen bei der Abschlussprüfung gehören regelmäßig Absolventen der Umschulungen von FORUM Berufsbildung.

7. Wer finanziert eine zweite Ausbildung bzw. Umschulung? Unter welchen Bedingungen?
Wie bereits vorher erwähnt, werden Umschulungen häufig durch Arbeitsagenturen und Jobcenter finanziert. Auch eine Finanzierung durch die Berufsgenossenschaft oder den Rentenversicherer (DRV) ist möglich.
Arbeitsagenturen und Jobcenter finanzieren Umschulungen dann, wenn ein arbeitsuchender Mensch mit seiner derzeitigen Qualifikation nicht oder nur sehr schwer vermittelbar ist. Dies ist häufig dann der Fall, wenn er noch keinen anerkannten Berufsabschluss hat. Es kann aber auch sein, dass zwar ein Berufsabschluss vorhanden ist, mit diesem aber dennoch kein Zugang zum Arbeitsmarkt mehr möglich ist, z.B. weil der Abschluss veraltet ist oder zu viele Menschen mit diesem Abschluss arbeitslos sind. Die Arbeitsberater/innen bei dem Arbeitsagenturen oder Jobcentern werden in diesem Fall zusammen mit ihren Kund/innen prüfen, welche Umschulung für ihn/sie möglich und sinnvoll ist. Hierbei geht es dann neben dem wichtigsten Aspekt, dass der neue Abschluss gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten sollte, auch um Fähigkeiten und Neigungen des/der Kund/in und natürlich die persönliche Situation. Mit kleinen Kindern macht es zum Beispiel wenig Sinn eine Umschulung in der Hotel- und Gastro-Branche zu beginnen, wo sich die Arbeitszeit überhaupt nicht mit den Kita-Zeiten verträgt.
Berufsgenossenschaften finanzieren eine berufliche Neuausrichtung, wenn diese nach Arbeitsunfällen notwendig ist. Die Rentenversicherung trägt die Umschulungskosten, wenn man mindestens 15 Jahre Rentenbeiträge gezahlt hat und dann aus gesundheitlichen Gründen den Beruf nicht mehr ausüben kann, z.B. ein Bäcker mit Mehlstaub-Allergie oder eine Krankenschwester mit Bandscheibenvorfall.

8. Mal angenommen, man entscheidet sich für eine Umschulung. Müssen immer gesundheitliche Gründe etc. vorliegen oder kann man auch aufgrund einer Interessenverschiebung eine Umschulung beantragen?
Zwar sind gesundheitliche Gründe die wichtigsten, bei deren Vorliegen es daher auch am einfachsten ist, die Förderung für eine Umschulung zu bekommen. Aber die Mehrzahl der Umschüler/innen erhält die Förderung, weil sie entweder noch gar keinen Berufsabschluss haben oder in ihrem Beruf nicht mehr vermittelbar sind und nach der Umschulung deutlich bessere Chancen auf langfristige Integration in den Arbeitsmarkt haben. Lediglich aufgrund einer Interessenverschiebung ist es schwer eine Umschulung gefördert zu bekommen.
Die Bewilligung der Förderung ist nach dem SGBIII eine Ermessensentscheidung der jeweiligen Berater- oder Vermittler/innen bei den Jobcentern oder Arbeitsagenturen. Diese sind aber zu Recht angewiesen, die Mittel, die ja durch die Beiträge der Versicherten erwirtschaftet werden, wirtschaftlich einzusetzen. Es gilt also mit diesen Geldern vor allem dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen möglichst effektiv und dauerhaft wieder in Arbeit kommen. Hat jemand einen Beruf, der am Arbeitsmarkt gefragt ist und keine wichtigen Gründe, die gegen die Ausübung dieses Berufs sprechen, so wird der/die Vermittlerin ihre/seine Energie dafür einsetzen, diese/n Kunden in ihrem/seinem Beruf in Arbeit zu vermitteln und nicht die Förderung für eine berufliche Umorientierung bewilligen.
Als Selbstzahler/in kann man natürlich immer eine Umschulung machen, solange man keine Transferleistungen beansprucht und die Zugangsvoraussetzungen für jeweilige Umschulung erfüllt.

9. Gibt es auch Umschulungen, die nicht mit einem IHK-Abschluss verbunden sind?
Umschulungen sind immer auf einen anerkannten Berufsabschluss ausgerichtet. Dies kann neben dem IHK-Abschluss natürlich auch ein anderer Kammer-Abschluss sein wie der vor der Ärzte-, Rechtsanwalts- oder Steuerberaterkammer. Es gibt auch anerkannte Berufsabschlüsse, die im Rahmen einer anerkannten Berufsfachschule erworben werden, wie der Abschluss als examinierte/r Altenpfleger/in, Krankenpfleger/in, Physiotherapeut/in, Erzieher/in usw. Diese sind staatlich anerkannte Abschlüsse, die von den durch die Senatsschulverwaltung anerkannten Fachschulen abgenommen werden. Es gibt auch Berufsabschlüsse, wie z. B. Kosmetiker/in, die sowohl vor der Handwerkskammer als auch im Rahmen einer staatlich anerkannten Fachschule erworben werden können.

10. Was ist nun genau der Unterschied zu einer Weiterbildung bzw. Fortbildung?
Weiterbildungen, die nicht mit einem anerkannten Abschluss enden, sind keine Umschulungen sondern Fortbildungen. Diese sind kürzer, 1-12 Monate und bereiten nicht auf die Ausübung eines komplett neuen Berufs vor, sondern bauen auf vorhandene Kenntnisse und Fertigkeiten auf, vertiefen, aktualisieren oder erweitern diese. Im Rahmen von Fortbildungen werden manchmal neben den Abschlusszertifikaten der jeweiligen Anbieter auch überregional anerkannte Prüfungen wie der Europäische Computer- oder Wirtschaftsführerschein oder ein Englisch-Zertifikat (LCCI oder ESOL) angeboten. Dies sind sinnvolle Zusatzqualifikationen, die bei Arbeitgebern bekannt und geschätzt sind, aber keine Berufsabschlüsse.

11. Sind Umschulungen auch innerhalb des Unternehmens möglich, bei denen die Ausbildung stattfand, bzw. bei dem man beschäftigt ist/war? Übernimmt der Arbeitnehmer dann einen Teil der Kosten?
Umschulungen können auch ohne Bildungsanbieter direkt in einem Unternehmen durchgeführt werden, wenn dieses Unternehmen als Ausbildungsbetrieb für den angestrebten Berufsabschluss geeignet ist.
Der/die Umschüler/in wird vom Unternehmen bei der jeweiligen Kammer angemeldet für die Abschlussprüfung in z.B. 2 Jahren und nimmt dann auch am Unterricht der Berufsschule (OSZ) teil. Manchmal lehnt das OSZ Umschüler/innen ab, da es keine Plätze gibt, aber meistens ist dies möglich. Da der Unterricht am OSZ staatlich finanziert ist, muss dafür von dem/der Umschüler/in nichts bezahlt werden. Für den Lebensunterhalt des/der Umschüler/in sorgt entweder die Vergütung des Unternehmens oder auf Antrag auch die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter, das diese Lösungen einer Umschulung bei einem Bildungsanbieter meist vorzieht, da sie kostengünstiger ist.
Für Menschen, die ohne passenden Berufsabschluss in Unternehmen tätig sind, gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, zum Nachholen des Berufsabschlusses eine Förderung durch das WeGebAU-Programm der Arbeitsagenturen zu nutzen. Hierzu muss der Betrieb einen Antrag beim Arbeitgeberservice seiner Arbeitsagentur am Betriebsstandort stellen.

12. Kann es vorkommen, dass eine Umschulung nicht am Wohnort möglich ist? Wer kommt in dem Fall für die Unterhaltskosten auf?
Ja, das ist durchaus möglich. In diesem Fall ist es aber die Voraussetzung, dass am Wohnort bzw. im Tagespendelbereich keine für diese Person passende Umschulung angeboten wird. Wird eine Umschulung an einem anderen Standort als dem Wohnort von dem Jobcenter, der Arbeitsagentur oder der DRV bewilligt, so übernimmt die fördernde Stelle neben den Kosten für den Lebensunterhalt auch erhöhte Kosten für Wohnung und ggf. Fahrtkosten. Natürlich wird in solchen Fällen die Sinnhaftigkeit genau dieser Umschulung noch gründlicher geprüft als im Normalfall. Im Tagespendelbereich, z.B. von Oranienburg oder Potsdam nach Berlin, kommen solche Förderungen, die dann nur mit erhöhten Fahrtkosten verbunden sind, aber recht häufig vor.
Grundsätzlich gibt es auch verschiedene Möglichkeiten Umschulungen oder Fortbildungen ganz oder teilweise im Fernunterricht zu absolvieren. Auch diese können, wenn sie die entsprechende Zertifizierung haben, voll gefördert werden.

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